Der Paradeplatz als No-go-Zone: Eine Standpauke aus Saudiarabien offenbart die Sinnkrise der Schweizer Banken
Um die Reputation des Schweizer Bankenplatzes war es schon besser bestellt. Die Probleme lassen sich nicht allein durch das verantwortungslose Gebaren einiger CS-Topmanager erklären.
Ein wenig stolz war man beim Zürcher Finanzplatz schon, als diesen Frühling bekannt wurde, dass kein Geringerer als Sir Noel Quinn bei der Privatbank Julius Bär das Verwaltungsratspräsidium übernimmt. Der 63-jährige Ex-CEO der Grossbank HSBC ist einer der Superstars in der globalen Finanzwelt. Quinn selbst sprach von «einer grossen Ehre». Einem sanften Einstieg schien Anfang Mai nichts im Wege zu stehen. Stattdessen erhielt Noel Quinn in seinen ersten Wochen an der Bahnhofstrasse einen schmerzhaften Crashkurs im Hinblick auf alles, was auf dem Schweizer Bankenplatz derzeit schiefläuft.
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Spätestens seit dem Untergang der CS im März 2023 steckt die Branche in einer Sinnkrise. Diese lässt sich nicht allein durch das verantwortungslose Gebaren einiger CS-Topmanager erklären. Vielmehr kämpft der Schweizer Finanzplatz mit strukturellen Problemen.
Eine Standpauke über Rechtsstaatlichkeit – aus Saudiarabien
Die vielleicht denkwürdigste Szene in Noel Quinns ersten Tagen spielte sich am vergangenen Samstag in der albanischen Hauptstadt Tirana ab. Auf einer Konferenz unterhielt sich der neue Bär-Präsident auf dem Podium mit dem Gouverneur des saudischen Staatsfonds PIF, Yasir al-Rumayyan, als dessen Tonfall plötzlich scharf wurde.
Der Saudi sprach von einem «negativen Vorfall» – gemeint war das fast vollständig verlorene Milliardeninvestment des PIF in die untergegangene Credit Suisse. In anklagendem Ton sagte er: «Über Nacht änderte die Schweizer Aufsichtsbehörde das Gesetz. 150 Jahre Rechtsstaatlichkeit wurden über Nacht geändert. Für uns bedeutet das: Wir werden nicht mehr in die Finanzmärkte der Schweiz investieren.» Radiere ein Land alle Investoren einfach über Nacht aus, dann sei das eine «big red flag».
Ein saudiarabischer Staatsfonds-Chef hält einem Bankier aus der Schweiz eine Standpauke in Sachen Rechtsstaatlichkeit – ein Vorgang, der noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre.
Das Gespräch zwischen Noel Quinn und dem Chef des saudischen Staatsfonds PIF, Yasir al-Rumayyan.
Noel Quinn war die Situation spürbar unangenehm: «Als jemand, der seit zehn Tagen Präsident einer Schweizer Bank ist, bereitet mir das Sorgen», sagte er und lenkte das Gespräch hastig in eine andere Richtung.
Problembereich 1: Die Vermögen wachsen ausserhalb von Europa
Die Episode mit dem saudischen Staatsfonds-Chef verdeutlicht es: Um die Reputation des Swiss Banking war es auch schon besser bestellt. Drei Tage nach dem denkwürdigen Gespräch verstärkte sich dieser Eindruck, als Julius Bär erneut Wertberichtigungen auf ausgefallenen Krediten in der Höhe von 130 Millionen Franken bekanntgeben musste. Nach dem Skandal um die Benko-Kredite im vergangenen Jahr kommen erneut Zweifel auf, ob die Bank ihre Risiken endlich im Griff hat.
Doch die angeschlagene Reputation ist für den Bankenplatz nur ein Teil des Problems. Auch andere Entwicklungen fordern den Schweizer Finanzplatz heraus. Der traditionelle Spitzenplatz der Schweizer Privatbanken in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung gerät ins Wanken.
Dies veranschaulicht ein neues Gutachten der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman im Auftrag der schweizerischen Bankiervereinigung. «Die Schweiz wird in den kommenden Jahren voraussichtlich von konkurrierenden Wealth-Management-Standorten überholt», heisst es darin. Singapur, Hongkong, die Vereinigten Arabischen Emirate und selbst die USA holen auf. Während die Schweizer Banken ihre Stärken vor allem auf dem europäischen Markt ausspielen, wächst dieser nur langsam. «Die Motoren des globalen Vermögenswachstums befinden sich grösstenteils ausserhalb Europas», konstatiert die Studie.
Roland Hofmann, Dozent für Banking und Finance an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sagt, für die Schweiz spreche gerade in unsicheren Zeiten zwar der starke Franken: «Doch wenn jemand im asiatischen Raum reich geworden ist, fühlt er sich kulturell in Singapur besser aufgehoben als in Zürich. Warum sollte man da einmal pro Jahr bis in die Schweiz fliegen?»
Problembereich 2: Ein bedrohtes Geschäftsmodell
Das Zurückfallen der Schweiz im Kampf um Offshore-Vermögen offenbart ein tieferliegendes Problem – es fehlt an einem klaren Alleinstellungsmerkmal. Bis die Vereinigten Staaten im Februar 2009 die Übermittlung von Kundendaten erzwangen, war dies das Bankgeheimnis. Ausländische Kunden blickten damals laut dem Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann über hohe Gebühren hinweg. «Die Banken verzeichneten in dieser Phase unglaublich hohe Margen. Das ist vorbei», sagt Straumann. Heute hätten ausländische Kunden einen Teil ihres Vermögens in der Schweiz, um sich abzusichern. So wie man aus Sicherheitsüberlegungen Gold kaufe. Aber sie seien nicht mehr bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen.
In einer perfekten Welt könnten sich Schweizer Banken damit brüsten, dass sie eine höhere Rendite auf den Vermögen ihrer Kunden erzielen als all ihre Mitbewerber. Doch das ist aus ökonomischer Sicht unplausibel: «Gelder anlegen können alle Banken auf der Welt gleich gut. Das ist reines Lehrbuchwissen und kein Grund, weshalb man in die Schweiz kommen muss», sagt der ZHAW-Experte Hofmann.
Langfristig könnten auch digitale Vermögensverwaltungsangebote zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Privatbanken werden. Der Schweizer Anbieter True Wealth etwa greift die etablierten Akteure frontal an: «Grosse Banken setzen auf hohe Gebühren und eigennützige Produkte», heisst es auf der Website des Anbieters. Die Rendite für den Kunden bei den Banken sei begrenzt – und die Kontrolle über das eigene Vermögen minimal.
Der Chef des Fintechs, Felix Niederer, ist überzeugt, dass das Geschäftsmodell der traditionellen Banken überholt ist. «Es basiert auf Kundenberatern, die vor allem versuchen, hochmargige Produkte zu verkaufen. Anlageprodukte werden nicht besser, wenn sie teurer sind.» Den Tatbeweis für sein Geschäftsmodell muss Niederer allerdings noch erbringen: Derzeit verwaltet True Wealth mit 1,9 Milliarden Franken nur einen Bruchteil der von der UBS verwalteten 5000 Milliarden Franken.
Problembereich 3: Die Entfremdung von der Politik
Für eine Branche, die für 9 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung verantwortlich ist, verfügen die Banken in Bundesbern nur noch über eine schwache Lobby. Das zeigte sich diese Woche, als die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete, dass der Bundesrat der UBS – neben allen anderen Erhöhungen – bis zu 25 Milliarden Franken an zusätzlichem Eigenkapital auferlegen will.
Trifft dies so ein, heisst das: Die Grossbank UBS und auch die Bankiervereinigung sind mit ihren Argumenten gegen eine starke Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften für ausländische Tochtergesellschaften ins Leere gelaufen.
Die Bank gibt sich aber nicht geschlagen. Ein Sprecher schreibt auf Anfrage der NZZ, man begrüsse eine «gezielte Stärkung» der Finanzstabilität, aber «Extremmassnahmen wie den sogenannten Vollabzug vom harten Kernkapital» bei Auslandsbeteiligungen lehne man entschieden ab. Es gibt aus Sicht der Bank kein realistisches Szenario, das eine solche Massnahme erfordern würde. Ob das Argument dann auch im Parlament verfängt, ist offen.
Unschuldig sind die Banken nicht an der Entfremdung zwischen Parade- und Bundesplatz. Diese hat laut dem Luzerner Wirtschaftshistoriker Lukas Tobler schon Anfang der neunziger Jahre begonnen, als sich Schweizer Grossbanken zunehmend dem amerikanischen Investment Banking zuwandten – und die politische Lobbyarbeit an spezialisierte Agenturen auslagerten. An der Spitze der Banken standen ausländische oder im Ausland ausgebildete Manager, die wenig Interesse an der Schweizer Innenpolitik hatten. So gab der frühere CS-Chef Brady Dougan 2011 in einem Interview die Zahl der Bundesräte mit «acht» an – eine deutlichere Demonstration des Desinteresses war kaum möglich.
Unter Finanzminister Ueli Maurer verbesserte sich der Draht nach Bern kurzzeitig. Maurer liess sich regelmässig von Bankenvertretern ins Ausland begleiten. Der SVP-Bundesrat fungierte dabei als Türöffner für neue Geschäfte. Das währte aber nicht lange.
Unter der neuen Finanzministerin Karin Keller-Sutter ist eine solche Nähe unvorstellbar geworden. Geprägt von der öffentlichen Empörung über die CS-Rettung, geht die FDP-Bundesrätin derzeit auf Distanz zum Bankenplatz.
Der Wandel verläuft schleichend
Es gibt aber auch andere Perspektiven, die weniger düster erscheinen. Der Luzerner Finanzprofessor Andreas Dietrich stellt die Probleme des Bankenplatzes nicht in Abrede. Er ist aber überzeugt, dass vermögende Bankkunden aus dem Ausland auch in Zukunft bereit sind, für Seriosität, politische Stabilität und verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen mehr zu bezahlen.
Das über viele Jahre aufgebaute, hohe Professionalitätsniveau in der Vermögensverwaltung sei ein wichtiger Wettbewerbsvorteil für den Standort Schweiz: «Gerade Personen mit sehr hohen Vermögen haben komplexe Bedürfnisse, die nicht von einer App oder einem Robo-Advisor erfüllt werden können.»
Ob er recht behalten wird – wird sich erst in Jahren, vielleicht erst in Jahrzehnten zeigen. Der Wandel in der globalen Vermögensverwaltung verläuft schleichend – zum Glück für die Schweiz.