Emma Larsson verkauft Sex – obwohl ihn in Schweden niemand kaufen darf
In Schweden ist der Kauf von Sex seit 1999 verboten – verkauft werden darf er weiterhin. Ein Besuch im Milieu zeigt: Die Meinungen über das Gesetz gehen stark auseinander.
Wenn Emma Larsson einen Kunden trifft, dann verabredet sie sich immer an einem öffentlichen Ort. Ihre Adresse gibt sie nie heraus – auch nicht an Journalistinnen. Stattdessen schickt sie einen Tag vor dem Interview eine Nachricht mit dem Namen einer Haltestelle in einem von Göteborgs berüchtigten Aussenquartieren. Dort holt sie ihre Besucher jeweils ab. Auf dem Weg in ihre Wohnung bleiben ihr ein paar Minuten, um das Gegenüber einzuschätzen.
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Larsson hat keine Angst vor ihren Freiern. Sie fĂĽrchtet sich vor der Polizei.
In Schweden ist der Kauf von Sex seit 1999 verboten. Wer für sexuelle Dienste bezahlt, begeht eine Straftat. Das Verbot soll die Käufer abschrecken und damit das Geschäft zunichtemachen. Im Land herrscht ein breiter politischer Konsens darüber, dass so etwas wie selbstbestimmte Sexarbeit nicht existiert.
Das Verbot hat die Prostitution aus dem öffentlichen Raum gedrängt und unsichtbar gemacht. Verschwunden ist sie damit nicht. Und unter jenen, die in Schweden Sex verkaufen, gehen die Meinungen über das schwedische Modell stark auseinander.
Die Sexarbeiterin: «Ich sehe das als feministisches Projekt»
Der Weg zu Larssons Apartment führt an einem Spielplatz vorbei zu einem Plattenbau mit mehreren Eingängen. Draussen sitzen ein paar Frauen in Nikabs und Hijabs gehüllt und unterhalten sich, der Nachbar im Treppenhaus grüsst freundlich. Larssons Wohnung ist auch ihr Arbeitsort. Auf dem Küchentisch liegt ein halbfertiges Puzzle mit Dalmatinern, in einem Terrarium kriechen mehrere Riesenschnecken, und an der Wand im Gang hängt ein Bild einer Vulva mit aufgeklebten Haaren. Larsson hat es selbst gemalt. Auch Sex war für sie lange nur ein Hobby. 2019 entschied sie sich, damit Geld zu verdienen.
Auf Plattformen wie Onlyfans lädt sie täglich Bilder und Videos hoch. Einigen ihrer Kunden bietet sie auch offline sexuelle Dienstleistungen an. Monatlich verdient sie mit Sex laut eigener Aussage 1500 bis 2000 Euro, was etwa die Hälfte ihres Einkommens ausmacht. «Ich könnte ohne dieses Geld leben», sagt Larsson, die einen Universitätsabschluss in Gender-Studies hat und Teilzeit bei einer Menschenrechts-NGO arbeitet. «Aber ich möchte mich irgendwann frühpensionieren lassen.»
Für Larsson ist das, was sie macht, Sexarbeit. Von Prostitution oder Ausbeutung möchte sie nicht sprechen. «Ich sehe das als feministisches Projekt», sagt sie. Dass in Schweden alle, die käuflichen Sex anbieten, als Opfer betrachtet werden, ärgert sie. «Ich möchte die Menschen darüber aufklären, dass auch Frauen sexuelle Lust empfinden und ausdrücken können.»
Larsson war Ende 20, als sie die ersten Bilder und Videos von sich zunächst frei zugänglich ins Internet stellte. «Ich hatte mir das lange überlegt und mir vorher klare Grenzen gesetzt.» Die wichtigste Regel: Online bleibt sie anonym – auch in diesem Artikel. Ihr Gesicht zeigt sie nur vom Mund abwärts. Emma Larsson ist zwar ihr echter Name, aber in Schweden ist er so häufig, dass sie unerkannt bleibt. Offline trifft sie ihre Freier immer zuerst zu einem Gespräch und vereinbart, welche Dienstleistungen sie anbietet – und welche nicht. Wenn sie sich mit dem Kunden wohlfühlt, kommt es beim zweiten Treffen zum Sex.
Mit der Polizei hatte Larsson noch nie zu tun. Sie ist Mitglied bei Red Umbrella Sweden, einer Organisation, die sich für die Rechte von Sexarbeiterinnen einsetzt. Von anderen Personen dort weiss sie, dass das Sexkaufverbot nicht nur die Freier trifft. Die schwedische Polizei hat weitreichende Befugnisse. Besteht der Verdacht auf Zuhälterei, darf sie etwa Mobiltelefone von Sexarbeiterinnen beschlagnahmen – ohne Entscheid einer Staatsanwaltschaft oder eines Untersuchungsrichters.
«Einen solchen Verdacht kann die Polizei leicht geltend machen», sagt Larsson. Es könne schon ausreichen, wenn man mit jemandem die Wohnung teile oder von einem Treffen mit einem Kunden abgeholt werde, damit dem Mitbewohner oder Freund Zuhälterei unterstellt werde. Kritisch werde es auch dann, wenn die Polizei den Vermieter der Wohnung informiere. Da dieser in Form der Miete von den Einnahmen aus der Sexarbeit profitiere, bliebe ihm fast nichts anderes übrig, als den Mietvertrag zu kündigen. Sonst riskiere er, selbst mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.
Larsson wohnt allein. Das bedeutet auch, dass sie ihre Kunden allein trifft. Die soziale Kontrolle fehlt. Angst um ihre Sicherheit habe sie noch nie gehabt – auch weil sie sich ihre Freier aussuchen kann. Hat sie ein ungutes Gefühl, lehnt sie ab. Die Vorstellung, dass nur ungepflegte, einsame Männer, die sonst keine Nähe erführen, Sex kauften, sei falsch. «Meine Kunden sind ganz normale Menschen, die oft einen Fetisch haben, den sie in ihrer Partnerschaft nicht ausleben können.»
Die Statistik gibt Larsson recht: Sex zu kaufen, ist ein verbreitetes Phänomen, zumindest bei Männern. Gemäss Studien hat es in Deutschland jeder vierte schon getan, in der Schweiz soll es jeder fünfte sein. Und selbst in Schweden, wo das Sexkaufverbot seit bald drei Jahrzehnten in Kraft ist, hat einer von zehn Männern mindestens einmal im Leben für sexuelle Dienste bezahlt.
Im Juli hat Schweden das Sexkaufverbot auf das Internet ausgeweitet. Seither ist es auch strafbar, auf Portalen wie Onlyfans personalisierte, sexuelle Inhalte zu kaufen, also etwa private Video-Calls, in denen der Kunde die Darstellerin bittet, etwas zu tun. Pornos, die für ein grösseres Publikum erstellt wurden, bleiben hingegen erlaubt. Larsson glaubt nicht, dass sich Ausbeutung mit strengeren Gesetzen verhindern lässt. Im Gegenteil.
Viele verdienten gerade mit dem Erfüllen von Kundenwünschen einen grossen Teil ihres Geldes, sagt Larsson. «Wenn diese Einnahmen wegfallen, müssen sie sie anders kompensieren. Das könnte dazu führen, dass manche ihre Grenzen überschreiten – etwa indem sie ihr Gesicht in Videos für ein breites Publikum zeigen, weil sich solche Clips besser verkaufen.»
Gabriella Kärnekull Wolfe und Anna Olsson* haben ihre Grenzen mehrfach überschritten. Sie sehen die Sache ganz anders als Emma Larsson.
Das Opfer: «Der Kauf von Sex ist immer eine Form von Gewalt»
Gabriella Kärnekull Wolfe ist 16, als ein Freier von ihr Sex kauft. Er holt sie von zu Hause ab und bringt sie in seine Wohnung. Er flösst ihr Alkohol ein, bis sie betrunken ist. Dann nimmt er einen Stock und schlägt auf sie ein. 137 Mal. Als er fertig ist, zerrt er sie ins Badezimmer und uriniert auf sie. All das hält er auf einem Video fest. Dann fährt er sie zur Schule.
Anna Olsson ist 15, als ein Freier von ihr Geschlechtsverkehr im Zimmer seiner gleichaltrigen Tochter kauft. Er macht ihr Komplimente fĂĽr ihr Aussehen. DafĂĽr, wie klein sie ist und wie jung. Es ist eine verbotene Phantasie, die er an ihr auslebt. Als er fertig ist, zeigt er ihr Bilder von seiner Tochter. Olsson bekommt als Bezahlung von ihm Kleider und Alkohol.
Die beiden Ereignisse liegen schon einige Jahre zurück. Gabriella Kärnekull Wolfe gehört heute zu den prominentesten Verfechterinnen des schwedischen Modells. Die 27-Jährige hat 2017 den Verein Inte din Hora gegründet, auf Deutsch: nicht deine Hure. Dort lernte sie die 24-jährige Anna Olsson kennen. Wolfe und Olsson würden nie von Sexarbeit sprechen. Für sie ist Prostitution nur eines: Ausbeutung.
Mit 15 postete Olsson die ersten Bilder und Videos von sich im Internet. Sie sagt: «Es war so einfach. Nichts und niemand hindert dich daran – ausser du selbst.» Wolfe war gerade einmal 12, als sie in einem Forum erstmals von einem erwachsenen Mann kontaktiert wurde. Irgendwann hätten die Männer angefangen, ihr als Gegenleistung für sexuelle Aufnahmen Geld und Alkohol anzubieten. Wolfe sagt: «Für mich war das Verhalten der Männer normal, und ich verstand nicht, dass sie etwas Falsches taten.»
Beide Frauen waren 15 – also gerade nicht mehr im Schutzalter, das in Schweden gilt –, als sie zum ersten Mal gegen Bezahlung Sex hatten. «Die Männer waren mindestens doppelt so alt, manche deutlich älter. Sie hatten angesehene Jobs, Familien», sagt Olsson. Und sie waren gewalttätig. Das zeigt exemplarisch das Video von Wolfes Misshandlung, das später vor Gericht abgespielt und in verschiedenen Medienberichten beschrieben wurde. Zu sehen ist, wie Wolfe schreit und sich windet. Sie weint, schüttelt den Kopf.
Wolfe sagt: «Es ist nichts Verwerfliches daran, Sex zu verkaufen. Aber der Kauf von Sex ist immer eine Form von Gewalt.» Sich die Zustimmung einer anderen Person erkaufen zu können, zeuge von Ungleichheit, Machtmissbrauch – und nicht zuletzt von der Objektivierung von Frauen. Wer das erlaube, gebe im Grunde reichen Männern unbegrenzten Zugriff auf arme weibliche Körper. Das schwedische Modell schaffe klare Verhältnisse: «Wer kauft, ist Täter. Wer verkauft, ein Opfer.»
Weder Wolfe noch Olsson schafften des Geldes wegen an. Beide Teenager waren psychisch krank, verletzten sich selbst. Zahlreiche Narben überziehen Wolfes Arme. Olsson sagt: «Ich habe mir lange eingeredet, dass ich alles unter Kontrolle hätte – doch in Wirklichkeit hatte ich sie längst verloren.» In dem Moment, als sie das erste Mal Geld annahm. Als ein Freier darauf bestand, Sex ohne Kondom zu haben. Als er sie schlug, weil sie sich wehrte.
Den Ausstieg aus der Prostitution schaffte Olsson nach einem Jahr, Wolfe erst viel später, mit 19. «Ich hatte erstmals mit 15 den Sozialarbeitern und meinem Therapeuten erzählt, dass ich mich mit älteren Männern gegen Geld traf. Auch meine Eltern ahnten, was vor sich ging.» Dennoch verstrichen Jahre, mit mehreren polizeilichen Untersuchungen und Gerichtsverhandlungen, bis ihr schliesslich geholfen wurde.
Der 40-jährige Mann, der sie als 16-Jährige übel misshandelt hatte, wurde im Februar 2015 wegen Kaufs sexueller Handlungen an einem Kind verurteilt. Sowohl das Bezirksgericht Stockholm als auch das zuständige Berufungsgericht sprachen ihn aber vom Vorwurf der Vergewaltigung frei. Die Gerichte kamen anhand von früheren Chat-Nachrichten zu dem Schluss, dass Wolfe dem gewalttätigen Sex und damit auch der Misshandlung zugestimmt habe. «Das Urteil war für mich traumatisierend, weil es mir das Gefühl gab, dass das, was mir angetan worden war, okay war.»
Von Olssons acht Freiern wurden zwei verurteilt. Wolfe schätzt die Zahl der Männer, mit denen sie gegen Bezahlung Sex hatte, auf zwanzig bis dreissig. Nur in fünf Fällen kam es zu einer polizeilichen Untersuchung, drei – einschliesslich des 40-Jährigen – wurden verurteilt. Dank einer engagierten Polizistin fand Wolfe schliesslich den Ausstieg. Als Opfer anerkannt zu werden, war für Wolfe und Olsson entscheidend. Wolfe sagt: «Die Dinge haben sich für mich erst verändert, als ich realisiert habe, dass ich missbraucht wurde.»
Dass das Sexkaufverbot ab Juli auch im Internet gilt, finden Wolfe und Olsson im Gegensatz zu Emma Larsson richtig – auch wenn die Durchsetzbarkeit fraglich ist. «Was offline verboten ist, sollte auch online verboten sein», sagt Wolfe. In einem Punkt sind sich alle drei Frauen trotz ihren Differenzen jedoch einig: Missbrauch lässt sich auch mit einer strengeren Gesetzgebung kaum verhindern. Solange es Männer gibt, denen die rechtlichen Konsequenzen egal sind.
* Anna Olsson heisst in Wirklichkeit anders. Ihr Name wurde geändert, um ihre Persönlichkeit zu schützen.